Die Psilocybin-Therapie hat in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit erregt, insbesondere als mögliche Ergänzung zu bestehenden Behandlungsformen bei Depressionen. Eine neue randomisierte, placebokontrollierte Studie in JAMA Network Open Die Studie konzentriert sich speziell auf Menschen mit wiederkehrenden depressiven Symptomen und untersucht die Auswirkungen einer einzelnen, unter ärztlicher Aufsicht verabreichten Psilocybin-Dosis. Die Ergebnisse zeigen eine rasche Besserung in den ersten Wochen, liefern aber auch deutliche Hinweise darauf, dass Langzeitwirkungen mit Vorsicht zu genießen sind.
In diesem Artikel erläutern wir anschaulich, was die Studie untersucht hat, was die Ergebnisse bedeuten, welche Einschränkungen bestehen und welche Aussagen sich daraus für die Therapie mit Psychedelika im Allgemeinen treffen lassen. Dabei unterscheiden wir explizit zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und den daraus ableitbaren oder nicht ableitbaren Konsequenzen für die klinische Praxis.
Was genau untersuchte diese JAMA-Studie?
Die Studie wurde in Schweden an der Psychiatrischen Klinik Nord-Stockholm und dem Karolinska-Institut durchgeführt. Insgesamt nahmen 35 Personen mit wiederkehrenden depressiven Symptomen in einer mittelschweren bis schweren depressiven Episode teil. Es handelte sich daher um eine relativ kleine Studie, deren Studiendesign jedoch im Vergleich zu vielen früheren explorativen Studien aussagekräftiger ist.
Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt:
1) 17 Teilnehmer erhielten eine Dosis von 25 mg Psilocybin.
2) 18 Teilnehmer erhielten 100 mg Niacin (Vitamin B3) als aktives Placebo.
Wichtiger Hinweis: Beide Gruppen erhielten im Vorfeld der Sitzung psychotherapeutische Unterstützung. Der Ablauf umfasste eine vorbereitende Sitzung, einen Einnahmetag und drei Integrationssitzungen innerhalb von 17 Tagen. Am Einnahmetag wurden die Teilnehmenden mithilfe von Musik, einer Schlafmaske und der Anleitung von Psychologen unter anderem dazu angehalten, sich nach innen zu wenden. Die Studie untersucht somit nicht “Psilocybin allein”, sondern Psilocybin in einem strukturierten, angeleiteten Kontext, der als Form der Therapie mit Unterstützung verstanden werden kann.
Das wichtigste Ergebnis: schnellere Veränderung am 8. Tag
Der primäre Endpunkt war die Veränderung der depressiven Symptome an Tag 8, gemessen anhand des MADRS-Scores (einer weit verbreiteten klinischen Skala). Zu diesem Zeitpunkt sank der MADRS-Score in der Psilocybin-Gruppe im Durchschnitt um 7,27 Punkte stärker als in der Niacin-Gruppe. Dieser Unterschied war statistisch signifikant.
Dies ist relevant, da viele Standardinterventionen bei depressiven Symptomen nicht immer schnell eine spürbare Wirkung zeigen, schon gar nicht innerhalb einer Woche. Gleichzeitig bedeutet “statistisch signifikant” nicht, dass die Wirkung für alle spürbar oder von Dauer ist. Es deutet darauf hin, dass der durchschnittliche Unterschied zwischen den Gruppen in dieser Stichprobe wahrscheinlich nicht zufällig ist, sagt aber weniger über individuelle Unterschiede und die Nachhaltigkeit der Wirkung aus.
Wie lange hielt der Effekt in dieser Studie an?
Die Forscher untersuchten nicht nur Tag 8. Auch an Tag 15 und Tag 42 war der Unterschied zwischen Psilocybin und Niacin signifikant. An Tag 15 betrug der durchschnittliche Unterschied 11,03 Punkte zugunsten von Psilocybin. An Tag 42 lag dieser Unterschied bei 8,33 Punkten.
In einfachen Worten: In den ersten sechs Wochen nach der Sitzung schnitt die Psilocybin-Gruppe im Rahmen dieses Studiendesigns und unter diesen ausgewählten Teilnehmern auf der Skala für klinische Depressionen deutlich besser ab als die Placebo-Gruppe.
Die Studie umfasste auch eine Langzeitbeobachtung. Am 365. Tag, also nach einem Jahr, war der Unterschied zwischen den Gruppen statistisch nicht mehr signifikant. Dies bedeutet nicht automatisch, dass “kein Effekt” vorlag, sondern lediglich, dass der Unterschied zwischen den Gruppen am Ende des Jahres nicht aussagekräftig genug war, um ihn als verlässlichen Gruppenunterschied darzustellen. Daher dient diese Studie hinsichtlich der Wirksamkeit nach einer Einzeldosis als ein Datenpunkt, der die Ergebnisse relativiert.
Selbstbericht: Bereits ab Tag 2 eine Besserung, jedoch mit einer Einschränkung
Zusätzlich zur Beurteilung durch die Forscher füllten die Teilnehmer auch Selbstbeurteilungsfragebögen (MADRS-S) aus. Darin zeigte sich der Unterschied zwischen Psilocybin und Niacin bereits ab Tag 2, und in der Hauptanalyse blieb dieser bis Tag 102 bestehen.
Das ist interessant, weil es darauf hindeutet, dass die Teilnehmenden Veränderungen schnell erleben könnten. Gleichzeitig ist hier ein wichtiger methodischer Punkt zu beachten: In der psychedelischen Forschung ist den Teilnehmenden oft schnell klar, ob sie die aktive Substanz erhalten haben. Dies kann Erwartungen verstärken und die Selbstauskunft beeinflussen. Selbstauskünfte sind zwar wertvoll, aber in dieser Art von Forschung besonders anfällig für Erwartungseffekte.
Remission: Deutlicher Unterschied an Tag 42, nach einem Jahr nicht überzeugend.
Ein Ergebnis, das besondere Aufmerksamkeit erregt, ist die Remission (das Erreichen eines Wertes unterhalb eines bestimmten Schwellenwerts, was bedeutet, dass eine Person gemäß der Skala die Kriterien für eine Depression nicht mehr erfüllt). Am 42. Tag erfüllten 52,91 TP3T in der Psilocybin-Gruppe die Remissionskriterien, verglichen mit 5,91 TP3T in der Niacin-Gruppe. Dies betraf 9 von 17 Teilnehmern gegenüber 1 Teilnehmer in der Placebo-Gruppe (unter den untersuchten Teilnehmern).
Die langfristigen Auswirkungen sind hier jedoch ebenfalls wichtig. Am 365. Tag war der Unterschied statistisch nicht mehr signifikant: 52,91 TP3T Remission in der Psilocybin-Gruppe gegenüber 41,21 TP3T in der Niacin-Gruppe. Dies könnte verschiedene Bedeutungen haben, beispielsweise, dass die Wirkung nach einer einzelnen Sitzung bei manchen Personen nachlässt oder dass sich der Zustand der Teilnehmenden beider Gruppen im Laufe des Jahres auf andere Weise verbessert. Die Studie zeigt, dass eine einzelne Sitzung kurzfristig eine Verbesserung bewirken kann, aber nicht, dass diese bei allen über ein ganzes Jahr hinweg deutlich besser ist als die Wirkung eines Placebos.
Warum Therapie und Kontext hier keine “Nebensächlichkeiten” sind.
Diese Studie war nicht als “Substanzeinnahme und fertig”-Studie konzipiert. Sie beinhaltete Vorbereitung, Begleitung am Studientag selbst und Integration. In der psychedelischen Forschung geht man davon aus, dass die Kombination aus Erfahrung und Integration entscheidend dafür ist, wie jemand dem Erlebten Bedeutung verleiht und wie Erkenntnisse in Verhalten, Bewältigungsstrategien und Entscheidungen im Alltag umgesetzt werden.
Aus dieser Studie lässt sich daher schließen, dass die untersuchte Intervention ein Gesamtpaket darstellt: eine Dosis Psilocybin plus psychotherapeutische Unterstützung in einem kontrollierten Umfeld. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, wie Psilocybin “allein” ohne Screening, Begleitung und Integration wirken würde oder wie es bei Personen mit anderen Profilen als den ausgewählten Teilnehmern wirken würde.
Sicherheitsrisiko: in der Regel gering, aber nicht ohne Risiken
Die meisten Nebenwirkungen waren vorübergehend und von leichter bis mittelschwerer Ausprägung. In der Psilocybin-Gruppe wurden unter anderem Kopfschmerzen, Angstzustände, Halluzinationen, Unruhe, erhöhter Blutdruck und Kribbeln berichtet. Es wurden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen gemeldet, die als direkt mit Psilocybin in Zusammenhang stehend bewertet wurden.
Die Studie birgt jedoch ein wichtiges Sicherheitssignal: Zwei Teilnehmer der Psilocybin-Gruppe berichteten von schweren und anhaltenden Angstzuständen, die ärztliche Hilfe erforderten. Dies mahnt zur Schadensminimierung: Selbst in einer kontrollierten Forschungsumgebung unter professioneller Aufsicht kann eine Sitzung psychisch belastend sein und Symptome auslösen, die nicht von selbst wieder verschwinden.
Daher ist es generell ratsam, die psychedelische Therapie nicht als mild, risikofrei oder vorhersehbar darzustellen. Forschung zielt gerade darauf ab, herauszufinden, wer davon profitieren könnte, wer einem erhöhten Risiko ausgesetzt ist und welche Unterstützung benötigt wird.
Eine große Einschränkung: Die Blendung funktionierte kaum.
Eine der Hauptbeschränkungen dieser Studie besteht darin, dass die Verblindung nicht ausreichend gewährleistet war. Am Ende der Studie gaben 94,11 % der Teilnehmer in der Psilocybin-Gruppe korrekt an, Psilocybin erhalten zu haben. In der Niacin-Gruppe gaben sogar 100 % der Teilnehmer korrekt an, Niacin erhalten zu haben.
Die Beurteilenden konnten zudem relativ häufig einschätzen, welcher Gruppe eine Person angehörte. Dies ist nicht nur ein technisches Detail: Wenn Teilnehmer und Forscher weitgehend wissen, was verabreicht wurde, können Erwartungen und Interpretationen unbeabsichtigt einen Teil der Unterschiede erklären. Die Forscher schließen daher, dass Niacin als aktives Placebo nicht ausreichte, um eine echte Verblindung zu gewährleisten.
Dies ist ein wiederkehrendes Problem in der psychedelischen Forschung und einer der Gründe, warum verschiedene Forschungsgruppen nach besseren Vergleichsbedingungen und -methoden suchen.
Für wen gelten diese Ergebnisse und für wen nicht?
Die Studie hatte strenge Ausschlusskriterien. Ausgeschlossen wurden Personen mit vorherigem Psychedelikakonsum, psychotischen oder bipolaren Störungen, einem Verwandten ersten Grades mit einer psychotischen Störung, einer aktuellen Substanzgebrauchsstörung, Schwangerschaft, laufender antidepressiver Behandlung, laufender Psychotherapie oder Suizidalität.
Das bedeutet, dass die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf alle Menschen mit depressiven Symptomen übertragbar sind, und erst recht nicht auf Menschen mit komplexeren Problemen oder akuten Risiken. Dies ist zwar nicht auf diese Studie beschränkt, aber dennoch wichtig zu beachten, da öffentliche Diskussionen über Psychedelika mitunter schneller verallgemeinern, als es die Datenlage zulässt.
Was sagt das über die Psilocybin-Therapie in der Praxis aus?
Diese in JAMA veröffentlichte Studie stützt die Annahme, dass Psilocybin unter fachkundiger Begleitung in den ersten Wochen und Monaten die Depressionswerte einer ausgewählten Gruppe mit wiederkehrenden depressiven Symptomen verbessern kann. Gleichzeitig zeigt die Nachbeobachtung, dass der Gruppenunterschied nach einem Jahr nicht mehr signifikant ist und dass größere Studien erforderlich sind, um Fragen zur Nachhaltigkeit, zur wiederholten Dosierung und zu Erhaltungsstrategien zu klären.
Darüber hinaus sind psychedelische Sitzungen, wie sie beispielsweise in der Forschung stattfinden, in den Niederlanden und vielen anderen Ländern nicht ohne Weiteres als reguläre Therapieform verfügbar. Derzeit können MDMA-Sitzungen nur im Rahmen wissenschaftlicher Forschung oder in der klinischen Praxis im Rahmen von Maßnahmen zur Schadensminimierung besprochen und durchgeführt werden. Bei Psilocybin ist die Situation je nach Kontext und Darreichungsform unterschiedlich, aber auch hier ist es wichtig, klar zwischen Forschung, Behandlung und Beratungspraxis zu unterscheiden.
Wer die Forschungsergebnisse eingehender untersuchen möchte, kann den Originalartikel lesen über Diese Zusammenfassung der JAMA-Studie zu Psilocybin bei depressiven Symptomen.
Wenn Sie sich generell für angeleitete Sitzungen interessieren, empfiehlt es sich, Screening, Vorbereitung, Integration, die Erfahrung der Kursleiter und Vereinbarungen zur Schadensminimierung (z. B. Dosierung, Ort und Umgebung, Notfallplan und Nachsorge) kritisch zu prüfen. Für weitere Informationen oder zur Anmeldung für eine Sitzung im Kontext der Schadensminimierung besuchen Sie bitte die entsprechende Seite. Melde dich für eine MDMA-Session an.
Abschluss
Die JAMA-Studie zu wiederkehrenden depressiven Symptomen zeigt, dass eine einmalige, kontrolliert verabreichte Psilocybin-Dosis in den ersten Wochen und bis zu etwa sechs Wochen statistisch signifikante Verbesserungen im Vergleich zu einem aktiven Placebo bewirkte, wobei Anzeichen für eine rasche Besserung erkennbar waren. Gleichzeitig bestehen deutliche Einschränkungen, wie beispielsweise eine unzureichende Verblindung, eine geringe Teilnehmerzahl und ein Langzeiteffekt, der sich nach einem Jahr nicht mehr überzeugend unterschied. Die Ergebnisse sind daher primär ein starker Hinweis auf das kurzfristige Potenzial, nicht aber ein Endpunkt. Darüber hinaus sind größere Studien erforderlich, um die Sicherheit, die Nachhaltigkeit und die optimalen Therapieformen besser zu verstehen.
